Mit ‘Poesie des Untergrunds’ getaggte Artikel

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Mittwoch, 02. Dezember 2009

In der Ausstellung “Die Poesie des Untergrundes” im Prenzlauer-Berg-Museum Berlin läuft in Schleife eine Abfolge von Interviews auf der Videowand. Eine Dokumentation ist es wohl kaum, denn da fehlt so ziemlich alles, was zu einer engagierten Recherche nötig gewesen wäre, – nennen wir es vorerst mal: einen Video-Beitrag. Das Copyright verweist auf “wydoks”, im Internet lässt sich leicht feststellen, wer dazu gehört und was so gemacht wird, – die ewige Altpunker-Ecke eben.

“wydoks” will groß rauskommen mit der “Poesie des Untergrunds“, hat sich (mit einer kürzeren Schnittversion) an die „absolut-media“ verkauft und harrt nun großer Einnahmen. Das Produkt ist schlecht, handwerklich und inhaltlich und gleicht einer Mogelpackung mit schlechtem Geruch. Die Überforderung der Macher mit dem (wohl nicht selbst gesuchten) Thema ist offensichtlich, hier hätten Profis rangehört. Raus gekommen ist nur eine lieblos zusammengeheftete Serie von “da haben wir dann auch noch die Kamera drauf gehalten” – Szenen, die wahllos Geplauder mit diesem und jenem zeigen; – man enthält sich jeden Kommentars. Dabei wäre doch gerade angesichts der (bewussten und angeblichen) allgemeinen offiziellen Uninformiertheit über die Prenzlauer-Berg Künstler ein begleitender Text in jedem Fall angebracht gewesen, – aber man hat sich noch nicht mal die Mühe von Namenseinblendungen gemacht , – entweder blöde Überheblichkeit (“die muss man doch kennen”) oder einfach bornierte Faulheit (“nicht nötig, jeden zu  kennen”), – der nicht Eingeweihte bleibt im Dunkeln – so war das schon damals im Osten (wobei „damals“ ja eigentlich nur für den “Berater” (und Buch) Papenfuß gilt, Regisseur (und Schnittmeister) Aberle war eh ein spät Dazugekommener, wenn er überhaupt schon vor 89 im Prenzlberg war.

Es beginnt mit der Nummer Eins: “Alles oder nichts” betitelt, und zeigt den IM “David Menzer” alias “IM … ” alias “IM ….” alias A.S. Anderson, angeblich “Im Gespräch mit Bert Papenfuß”; – die Gesprächskultur im Café Burger, wo das Video  anscheinend gedreht wurde, scheint nicht gerade hoch entwickelt zu sein, denn Papenfuß, der gar nicht erst zu sehen ist, bleibt auch sonst über weite Strecken stumm und überlässt dem auf nicht gestellte Fragen eloquent antwortenden Freund Sascha großzügig und noch immer fasziniert das Feld. Der, leicht amüsiert über soviel Naivität, springt gut trainiert von Eisscholle zu Eisscholle in seinem Ozean von Lügen, bemüht, nicht aus dem Rahmen zu fallen. Dabei unterstützt ihn (Schnitt-) Meister Aberle nach Kräften mit kurzen Einblendungen von Buch-Covern, wenn die Übersprungshandlungen zu offensichtlich werden.

Eine nicht weiter bezeichnete Plastik, die fatalerweise wie ein Barlach-Imitat daherkommt, wird dann zur Folie für den als Punk-Musik verkauften Krach von früher, damit Anderson im Anschluss über seine angeblich vom MfS behinderte Kariere als Bandleader (“…die Stasi hat mir immer die Musiker ausreisen lassen, da musste ich wieder neue besorgen…”) lamentieren kann.

Dann kommt, ganz unerwartet, doch mal eine hörbare Frage von Papenfuß, nein, keine Frage, eher die „ganz provokativ“ anmutende Festestellung im Sinne von: „…aber du warst doch eigentlich gar nicht auf der (Partei-)Linie…“, – woraufhin Anderson, als wäre es was ganz Neues, von seinem doch Grund-kommunistischen und für den Weltfrieden kämpfenden Gutmenschentum was ablassen kann und (nach über 20 Jahren) verwundert in sich selber reinhorcht, um dann wieder festzustellen, dass er da ja selber nicht dahinter steigt usw. usw., – es ist ein Graus!

Hilfe stellend gibt dann das Gesprächs-Kaninchen Papenfuß dem alten Freund Sascha das Stichwort der (ach so wichtigen) Moneten, denn da kann Papenfuß womöglich ganz für sich mal was erklären, was ihm sonst auch einfach unerklärlich bleiben würde; wer gut bezahlt wird (500 MdN waren doch eine ganze Menge Moos im Osten) kann schon mal seine Freunde verraten, das geht und das hat man ja aus dem Leben im Kapitalismus gelernt, damit  kommt man schon klar, Alter. Soziale Integrität bedeutet eh nichts, da kann man sich mit einem, der die Freunde verrät, schon mal solidarisieren. Auseinandersetzung könnte dagegen zum Nachdenken verführen, das wäre im Altpunkmilieu fatal, da „macht“ man einfach mal.

Nach dieser finanziellen Aufklärung werden die “Fragen” aber auch gleich wieder ins Schwarz gemutet, Papenfuß verschwindet wieder im warmen Off, aber als Anderson eine Ablassung  im Sinne von “…ohne dass ich mich als ‘Opfer meiner Zeit’  fühlen will…l” (denn man ist ja „Mann“ und gar nicht wehleidig), “mh”t er zustimmend, das ist ja auch ganz tapfer von Sascha und gut überlegt. Der darf dann wieder schnell auf Mitleid machen, denn bei der Stasi gab es zum Arbeitsessen ganz eklig “nur Fleisch mit Soße” unterm Fliegenfänger – aber wir, wir dürfen dabei endlich mal einen Blick (schließlich übersetzt sich “wydoks” selbst mit Blick, Ausblick) in das heilige und ach so konspirative Gerümpel der Andersonschen Schreckenskammern werfen – na, wie geil ist dass denn!

Meine Gänsehaut kommt aber eher von der grenzenlosen Dummheit, die Anderson gegenübersitzt. Und, dass er sich so wohl fühlen darf, denn er ist wirklich wieder der Gerissene.

Hier fällt dann auch das stimmungsvoll ausgeleuchtete Ambiente der Café-Szene auf: die Schokoriegel der Leder(?)-Garnitur und das rote Schmuselämpchen – wer hat ihm eigentlich das Bier spendiert, vom subventionierten Catering?

Anderson sieht von Anfang an aus, als müsse er sich unheimlich zusammenreißen, nicht laut loszulachen, bei soviel Naivität. “Alles oder nichts” – den heroischen Titel haben Aberle und Papenfuß dem Video vorn- und hinten angestellt, – eine poetische Erfindung, denn im Originaltext sagt Anderson “…ganz oder gar nicht…” und bezieht sich darauf, dass ihm immer wieder (so beschwert er sich) die Ausreise anheim gestellt wurde, aber das  wollte er dann doch nicht (1986 dann aber wohl doch). Sein “Arbeitgeber” sei ja schließlich das MfS gewesen, – gab es damals im Osten schon Arbeitgeber? Ach so, ganz vergessen, der heute gültige Subtext von Schweinerei ist ja das Arbeitsverhältnis, die monetäre Begründung muss also auch hier unwidersprochen herhalten.

“… die Zeit ist vorbei…” (Original Anderson) wäre, richtig zitiert, der genauere Titel gewesen, – nun, – wessen Zeit und mit wem ist die Frage, auf jeden Fall die Zeit von „IM David Menzer“ und dem MfS, das ist richtig. Bedeutet aber nicht, dass da nicht noch unendlicher Aufklärungs- und Therapiebedarf ist, besonders bei Nebelbombenwerfern wie Anderson, dem seine Freunde hier ein kleines schmutziges Forum einrichten, damit mit dem berüchtigten Namen die Mäuse gefangen werden können.

Spätestens hier wird endgültig klar, dass für so ein Projekt professionelle Dokumentarfilmer ran gemusst hätten und nicht die in das Andersonsche Lügen-Netzwerk verstrickten Lobbyisten.

Dann, als Papenfuß mal selber aus dem Nähkästchen was beisteuert (“russische Botschaft, Anderson will politisches Asyl und so weiter”) – sitzt da wirklich das „arme Alien Sascha“, der 71 vom KGB an die Stasi “vorkooft” wurde (Anderson sächselt so gerne, um sich Boden vorzuspiegeln), der in Russland nicht den roten Stern tragen durfte, plötzlich kann man ihn mit viel Phantasie in einer russischen Pelzmütze im „Café Burger“ sitzen sehen, und lachen und lachen…

In dieser grauslichen Farce, die uns hier angetan wird, lacht Anderson nun wirklich laut, denn er merkt, denen kann er auch erzählen was er will, – auch, dass die Russen für ihn die Zeit zurückdrehen wollten und es dann (leider) doch nicht gemacht haben. Aber auch diese Geschichte einer geheimen Zeitmaschine reicht in die Regionen der Ost-Fiction.

Man könnte aber auch sagen, dass hier der Ansatz des Therapeuten gegeben wäre, der (und das ist nur im Sinne der Verschonung vor weiteren Ergüssen der Dichter gemeint) ein offenes Ohr für so etwas haben sollte. Von Analyse und anderen hilfreichen Einrichtungen haben aber die Macher des Videos keinen blassen Schimmer, denn in spätpubertärem Überschwang betiteln sie in einem anderen Beitrag dieser schlechten Serie die hilflos gedrehten und mies geschnittenen Zinnober-Szenen als “Supervison”;  - den betagten Grips-Theaterleiter Volker Ludwig ganz offensichtlich als namens gebende Staffage verarschend, – lieblose Scheiße, über die wirklich nur die janz Doofen lachen müssen. Wenn man das aber ins Verhältnis zum angehimmelten Anderson setzt, wird einem klar, wes Kind das ist und woher der Wind – nein, es ist wohl eher der schale Geruch einer Kneipe, wo sich müde Altpunker am letzten Kick versuchen, – „weht“ wäre übertrieben. (Wer über Zinnober mehr erfahren will, ist auf meiner Homepage www.reckweb.de richtig).

Aber zurück zu Anderson: in seinem Abgesang (ein Lob des Kommunismus, vom großen Schweiger Papenfuß ganz unwidersprochen) zieht der jetzt in der Geldstadt Frankfurt Lebende die hohe Stirn zusammen – weil der Kampf für den Kommunismus doch nun vorbei für ihn ist – zieht also die hohe Stirn zusammen und plötzlich, plötzlich im Standbild der Abblende, sieht er doch aus wie der leibhaftige Eduard von Schnitzler, es ist schon verblüffend.

Und an dieser Stelle geht mir mein Sarkasmus selber auf die Nerven, denn er beschreibt nicht im geringsten die Wut, die ich bei dem Gedanken habe, dieses Videoprodukt soll jetzt für all das stehen, was schon im Osten von staatlichen Stellen gehasst und verfemt, unterdrückt, bespitzelt, eingesperrt, verfolgt und ausgegrenzt wurde: Die Künstlerszene des Prenzlauer Bergs.

Es mag eine traurige Genugtuung für diejenigen sein, die gar nicht erst gefragt wurden, ob sie mitmachen wollen und für diejenigen, die sich weise der Kamera verweigerten. Es ist aber eine unsagbare Zumutung für jene (auch für mich), die bereit waren, daran mitzuwirken, die ihr Einverständnis gegeben haben im Vertrauen, dass es nicht schlecht sein kann, wenn Leute, die irgendwie selber dabei waren, was darüber machen. Aber, siehe oben: für Geld kann man auch schon mal seine Freunde verraten, von Anderson lernen heißt siegen lernen, der Gerissene setzt sich durch.

Ich lebe seit 88 in Berlin-Kreuzberg und bin froh darüber, denn soviel Fressen könnte ich gar nicht, wie ich kotzen müsste – wenn ich noch im Prenzlauer Berg wohnen würde. Aber das ist meine Sache.