(Warum die Gruppe “Zinnober” keinen “künstlerischen Leiter” gebraucht hat)
Dieter Kraft bezeichnet sich auf seiner Homepage selbst als “künstlerische Leitung” der Gruppe “Zinnober”.
Wer sich mit den Gegebenheiten von freiwillig zusammenarbeitenden Künstlergruppen befasst, weiß auch aus vielen anderen Beispielen über die Unfähigkeit von kreativen Menschen, sich von einer “Leitung” vereinnahmen zu lassen. So auch die Mitglieder von “Zinnober”, – jeder ein selbständiger Künstler. Die Formulierung, sie hätten einen “künstlerischen Leiter” gebraucht, steht (erstens) im Widerspruch zu dem Bestreben einer freien Theatergruppe nach Selbstbestimmtheit und verwechselt (zweitens) das Scheitern dieser Utopie als Prozess mit dem Kalkül der Starre eines Staatstheaters (als Institution). Das Dieter Kraft von eben solch einem Staatstheater zu “Zinnober” wechselte, als dort schon spektakuläre Erfolge mit freier Theaterarbeit zu verzeichnen waren, bedeutet nicht, das dadurch in der Gruppe eine “Leitungsstruktur” durchsetzbar gewesen wäre, selbst wenn dies im Sinne einer “staatlichen Anerkennung” durch die entsprechenden Organe gewünscht war.
Allerdings ist das, was im Nachhinein vielleicht als “Führung” zu interpretieren ist, eine durch ständige Reibung und Verschleiß bewirkte Verlagerung des Gewichtes von Struktur und Kreativität zugunsten der (Macht-)Struktur zu begreifen. Denn die Verwirklichung einer “freien Theatergruppe” wäre in der Tat ein seltsames Rätsel mit enormer Sprengkraft in der Kulturlandschaft des “real existierenden Sozialismus” gewesen, schon der Versuch hat ja gereicht, um die Maschinen der Impulsvernichtung in Gang zu setzen.
Dieter Kraft hat bei uns spielen gelernt. Es war uns nicht wichtig, dass jemand keine “Sprecherziehungsübungen” und keine “Grundlagenseminare Schauspiel” in seiner Ausbildung absolviert hatte. Wichtiger war, ihm den Mut für das eigene Erleben der befreienden Momente von Spiel und Bewegung zu machen. Wer jedoch eine Ausbildung absolviert, lernt auch, die Eitelkeit gegenüber dem Publikum abzubauen. Wem diese Erfahrung – die mit Demut zusammenhängt – fehlt, tappt leicht in die Falle der Anerkennung, was sich unangenehmer weise auch als Führungsanspruch verselbständigen kann.
Und wie es mit einmal installierten Macht-Strukturen eben so ist: wer nicht mitmachen kann, wird ausgegrenzt oder/und geht von selber.
Den Zerfall der Gruppe hat die Stasi ab Anfang 1987 dokumentiert.
Dieter Kraft und Günther Lindner gingen gemeinsam zu Gesprächen mit Mitarbeitern des MfS. In den Akten der Stasi wird der “selbsternannte Sprecher” der Gruppe gerne als Zeuge benannt, wenn die politische Linie der Gruppe auf ihre Eignung als Reisekader geprüft wird.
Wer, wie ich, nicht mehr in das Schema des harmlosen DDR-Bürgers mit Bekennung zum Vater Staat passte, brauchte auch nicht mehr als Reisekader bestätigt zu werden.
Die Formulierung einer “künstlerischen Leitung” durch Dieter Kraft bestätigt also (ungewollt) das, was “Zinnober” zum Schluss (88/89) für die Kulturfunktionäre des Ostens war: eine bequeme Reisekadergruppe.
Diese Verallgemeinerung jedoch ist für diejenigen Mitglieder der Gruppe entwürdigend, die sich der Vereinnahmung durch die Funktionäre mit harten Konsequenzen entzogen haben.
Tags: freie Gruppe, Gruppe "Zinnober"
Drüber weg springen und dann dran und mehr!